Andreas Traub
schrieb am 3. August 2026 um 14.46 Uhr
Lieber Harry,
wir haben mehr als ein Jahrzehnt zusammengearbeitet. Aber eigentlich beschreibt dieses Wort unsere Beziehung nur unzureichend. Denn aus einer beruflichen Zusammenarbeit wurde im Laufe der Jahre etwas viel Wertvolleres. Aus gegenseitigem Respekt wurde Vertrauen. Aus Vertrauen entstand Freundschaft.
Es gab kaum ein Thema, über das wir nicht gesprochen haben. Wir haben schwierige Fälle gemeinsam durchdacht, komplizierte rechtliche Fragen diskutiert und manchmal lange nach der besten Lösung gesucht. Aber wir haben genauso über das Leben gesprochen – über unsere Familien, über persönliche Erlebnisse, über Sorgen und Hoffnungen. Mit dir konnte man offen reden, ohne sich erklären zu müssen. Du hast zugehört, nachgedacht und nie vorschnell geurteilt. Das war eine deiner großen Stärken.
Ein ganz besonderer Moment in unserer gemeinsamen Geschichte war das Ende des Jahres 2020. Nach vielen erfolgreichen Berufsjahren bist du in den wohlverdienten Ruhestand gegangen. Und du hast mir deine Kanzlei anvertraut.
Das ist ein Geschenk, das mich bis heute mit großer Dankbarkeit erfüllt und das ich niemals als selbstverständlich angesehen habe.
Neben den beruflichen Entscheidungen sind es vor allem die vielen kleinen gemeinsamen Erinnerungen, die heute besonders lebendig werden.
Ich denke an unsere Kanzleiausflüge nach Esslingen oder nach Ostfildern. An die gemeinsamen Stunden außerhalb des Arbeitsalltags. Dort wurde gelacht, erzählt und diskutiert. Diese Tage haben gezeigt, dass unsere Gemeinschaft weit über den Beruf hinausging. Wir waren nicht einfach Menschen, die zufällig zusammenarbeiteten. Wir waren ein Team. Und wir waren Freunde.
Als Jurist warst du außergewöhnlich.
Dein Fachwissen war beeindruckend.
Doch so beeindruckend dein Wissen auch war – es war nie das, was dich im Kern ausgemacht hat.
Das Entscheidende war, wie du dieses Wissen eingesetzt hast.
Für dich standen niemals Akten im Mittelpunkt, sondern Menschen.
Jeder Mandant war für dich zuerst ein Mensch mit einer Geschichte, mit Sorgen und Hoffnungen. Du hast zugehört. Du hast verstanden. Und du hast nie vergessen, dass hinter jeder Akte ein Schicksal stand.
Du hast für Gerechtigkeit gekämpft. Nicht deshalb, weil es dein Beruf verlangte, sondern weil es deiner inneren Überzeugung entsprach. Besonders die Menschen, die sonst oft keine starke Stimme hatten, lagen dir am Herzen. Die sogenannten kleinen Leute konnten sich darauf verlassen, dass du dich mit ganzer Kraft für sie eingesetzt hast.
Und wenn es notwendig war, hast du auch auf ein Honorar verzichtet, weil dir wichtiger war, dass jemand zu seinem Recht kam. Das war keine Ausnahme, sondern Ausdruck deiner Haltung.
Auch im persönlichen Umgang warst du ein außergewöhnlicher Mensch.
Du hast dich ehrlich für andere interessiert. Nicht aus Höflichkeit, sondern aus echtem Interesse.
Du hast Menschen nicht nur wahrgenommen – sie waren dir wichtig.
Im Kanzleialltag warst du für mich oft der Ruhepol.
Wenn der Terminkalender übervoll war, wenn schwierige Verfahren gleichzeitig auf uns zukamen oder wenn Probleme zunächst unlösbar erschienen, bist du nie in Hektik verfallen.
Dann kam häufig dein Satz, den ich wohl niemals vergessen werde:
„Komm, wir setzen uns erst einmal in die Küche und machen einen Kaffee. Jedes Problem ist lösbar.“
Dieser Satz war viel mehr als eine Einladung zum Kaffeetrinken.
Er war Ausdruck deiner Lebenshaltung.
Du hast nie zugelassen, dass Schwierigkeiten größer wurden als die Menschen, die sie lösen konnten. Du hast Ruhe ausgestrahlt. Du hast Ordnung in das Chaos gebracht. Du hast Zusammenhänge erkannt und anderen den Mut gegeben, weiterzumachen.
Und erstaunlicherweise hattest du fast immer recht.
Nach diesem Kaffee sah vieles tatsächlich schon anders aus.
Ein besonderer Bestandteil unserer gemeinsamen Zeit waren unsere Freitage.
Fast schon ein festes Ritual.
Wir gingen ins Kesselhaus oder zum Griechen, ließen die Woche Revue passieren und sprachen über die Fälle, die uns beschäftigt hatten.
Diese Gespräche waren weit mehr als juristische Fallbesprechungen.
Ich habe in diesen Stunden nicht nur juristisch viel gelernt. Ich habe gelernt, wie wichtig Haltung ist. Dass Fachwissen alleine nicht genügt. Dass man Verantwortung trägt. Dass Menschlichkeit und Gerechtigkeit zusammengehören.
Dafür bin ich dir sehr dankbar.
Für mich warst du über all die Jahre der beste Bürogemeinschafter den man sich wünschen konnte.
Du hast Verantwortung übernommen, ohne großes Aufsehen darum zu machen. Du hast geholfen, ohne Gegenleistung zu erwarten. Du warst da, wenn man dich brauchte.
Genau deshalb wirst du so vielen Menschen fehlen.
Wenn ich heute auf unsere gemeinsame Zeit zurückblicke, dann sehe ich nicht zuerst die vielen Verfahren oder die beruflichen Erfolge.
Ich sehe unsere Gespräche.
Ich sehe den Kaffee in der Küche.
Ich sehe unsere Freitage im Kesselhaus oder beim Griechen.
Ich sehe unsere gemeinsamen Ausflüge.
Ich sehe einen Menschen, der mit seiner ruhigen Art viele Leben bereichert hat.
Und ich sehe einen Freund.
Du warst ein Teil meines Lebens.
Dafür werde ich dir immer dankbar sein.
Lieber Harry,
Menschen wie du hinterlassen Spuren.
Nicht nur in Akten oder Entscheidungen.
Sondern vor allem in den Herzen der Menschen, denen sie begegnet sind.
Deine Spuren werden bleiben.
In der Kanzlei.
Bei deinen Mandanten.
Bei deinen Freunden.
Und ganz besonders bei mir.
Danke für deine Freundschaft.
Danke für dein Vertrauen.
Danke für deine Menschlichkeit.
Danke für alles, was du mir mitgegeben hast.
Ich werde dich nie vergessen.
Du wirst uns allen fehlen.